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Neulich fand ich ein Notizbuch in der Schublade. Es enthielt Gedanken, Zeichnungen und mehr aus meinem Sabbatical 2019. Diese Notizen nach sechs Jahren durchzublättern war unerwartet aufschlussreich. Da noch ein paar Seiten frei waren, setzte ich mich hin und schrieb ein Nachwort. Hier ist es.


Vielleicht was das Sabbatical wirklich ein Meilenstein.

Der Bruch zwischen Alt und Neu.

“Alt” repräsentiert alles, was mich sozialisiert hat. Sicherheit. Überfluss. Individualismus. Möglichkeiten. Technik. Medien. Unterhaltung. All das war normal, war mein Leben, so war es immer, galt für alle Lebensbereiche. Auch für Glaube und Gemeinde. Im Grunde wurde CA(*) für mich der abschließende Repräsentant dieser Kultur. Nur amerikanisch, und damit noch etwas schillernder und intensiver. Alles geht, man muss es nur wollen. Die Verkörperung des Coolseins, gekleidet in christlichem Gewand. Deshalb habe ich mich dort von Anfang an so sauwohl gefühlt.

“Neu” repräsentiert alles, was durch den Dienst mit CA aufgerissen worden war. Und was hinter der immer rissiger werdenden Fassade der westlichen Gesellschaft – und damit meiner eigenen Fassade – zum Vorschein kam. Meine westliche Oberflächlichkeit und flache Identität. Meine Unsicherheit, die mehr als gerechtfertigt ist. Mein Mangel an Wissen und Weisheit. Die Einsicht, dass ich vielleicht ein freies Individuum sein mag und dennoch nur das Produkt einer riesigen Körperschaft bin, die mich, wie auch schon meine Eltern und Großeltern vor mir, geprägt hat – nur anders. Die Gedankenlosigkeit der Gier und Machtgeilheit. Die Unmöglichkeiten dieser Welt, gerade der westlichen, die zum Verzweifeln sind. Der Horror, einsehen zu müssen, dass die Technik uns in der Hand hat und nicht umgekehrt. Soziale Medien, bunt schillernde Dämonen, entschieden und fähig, die Seelen ganzer Völker umzuprogrammieren. Die westliche Unfähigkeit zu trauern, weil wir gleich Zombies immer nur der nächsten Attraktion, der nächsten Ablenkung, dem nächsten Programm, dem nächsten Urlaub hinterher jagen um daraus unsere Lebenskraft zu saugen, was uns der Fähigkeit, authentisch lieben zu können, beraubt.

All das war 2018, also vor dem Sabbatical, nicht mehr als nur ein diffuses, unbeschreibliches, aber mahlendes Gefühl in mir, das mich glücklicherweise ins Sabbatical trieb. Am Ende des Sabbaticals wusste ich das alles aber immer noch nicht, ich wusste nur, dass ich so nicht weitermachen will, weil ich so nicht weitermachen kann. Doch es war diese Entscheidung, die mich langsam, ganz langsam aus dem Dunst führen sollte. Erst jetzt bekomme ich eine winzige Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn der Nebel sich lichtet.

Ich frage mich, mein Herr und Gott, ob all das von Anfang an Dein Plan war, ob Du mich absichtlich immer weiter herumgetrieben hast, um die Mauern um meine Seele schließlich wunderhaft zum Einsturz bringen zu können.


(*) – CA = Christian Associates, eine kalifornische Organisation, mit der wir seit 2005 verbunden waren. Heute Communitas International.

Author

marcusis@icloud.com

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