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1917 sprach der deutsche Soziologe Max Weber erstmals von der “Entzauberung der Welt”. Er versuchte damit, den Übergang von magisch-religiösen Erklärungen (”Blitz und Donner sind Wutanfälle der Götter”) zum streng rationalen, wissenschaftlichen Denken der Moderne zu beschreiben (”ein Gewitter ist eine komplexe Wettererscheinung mit atmosphärisch-elektrischen Entladungen”).

Vermutlich rechnete Weber nicht damit, damit ein Schlagwort zu schaffen, das selbst 100 Jahre später noch fleißig von Gesellschaftsforschern aller Couleur herangezogen wird. Mir jedenfalls begegnet ”the disenchantment of the world” (englisch) oder ”världens avförtrollning” (schwedisch) immer häufiger – auf sämtlichen Sprachen.

Doch immer häufiger runzelt sich auch meine Stirn. Ich treffe Menschen, die zwar ein sehr ”entzaubertes” Weltbild vertreten, gleichzeitig aber für tief spirituelle Geschichten und Visionen kämpfen. Man denke nur an die Besiedelung des Alls, diverse Verschwörungen oder politische Überzeugungen. 
Das spirituelle Verlangen im Menschen, jener Glaube, der uns Hoffnung gibt, erfordert nämlich gar keine Religionszugehörigkeit. Selbst der überzeugteste Atheist oder Agnostiker vertritt eine tiefe Spiritualität. 
Das ist vielleicht eine meiner wichtigsten Lehren aus 20 Jahren christlicher Arbeit an der Basis der Gesellschaft. Doch warum nur habe ich so lange für diese Einsicht gebraucht? Theophilus von Antiochien drückte es schließlich schon im 2. Jahrhundert so aus: ”Sage mir, wie du lebst und ich zeige dir deinen Gott.”
War ich blind? Verblendet? 

Das wirft die Frage auf, ob die moderne Wissenschaft die Welt wirklich so ”entzaubert” hat, wie der moderne Mensch – Christen eingeschlossen – es gerne glauben möchte. Zwei Zitate legten meine Stirn schon wieder in Falten. Das eine stammt von Francis Bacon (richtig, von ihm stammt auch ”Wissen ist Macht”), einem frühen Propheten der modernen Wissenschaft. Er definierte ”Wissenschaft” folgendermaßen: 
“Wissenschaft ist das Wissen um die Ursachen und verborgenen Wirkungsweisen der Dinge. Außerdem ist sie die Erweiterung des menschlichen Imperiums, um alles Mögliche verwirklichen zu können.” 

Das zweite Zitat stammt von Aleister Crowley, ja genau, jenem berühmt-berüchtigten britischen Okkultisten, der sich selbst sogar ”The Great Beast 666”nannte. Crowley definierte ”Magie” folgendermaßen:  
“Magie ist die Wissenschaft und Kunst, Veränderungen nach eigenem Willen herbeizuführen.”

Mir stand der Kiefer eine Weile offen, als ich langsam einsehen musste, das Wissenschaft und Zauberei historisch gesehen Geschwister sein müssen: Beiden geht es im Grunde um die Macht, die Welt zum eigenen Vorteil kontrollieren und manipulieren zu können. 
Das ist eine steile Aussage, ich weiß. 
Und ja, natürlich, als Medizintechniker ist mir sehr bewusst, wieviel Gutes Wissenschaft auch leistet. 
Ich frage mich nur, ob wir heute wirklich so ”entzaubert” sind, wie Weber und  seine Jünger es uns glauben machen – oder ob die Mächte der Technik und des Kapitals uns seither einer ungleich größeren Verzauberung aussetzen –  wir haben nur noch nichts davon gemerkt. Je mehr Technik, je mehr Kapital, desto mehr Macht, desto mehr ”Mein Wille geschehe”. 
Verführt von der vermeintlichen Freiheit eines entzauberten Überflusses verschreiben wir naiv und mit besten Absichten unsere Seelen den neuen Dämonen unserer Zeit. Als ich neulich mal mein Handy im Bus vergaß und eine Woche ohne leben musste, wurde mir schnell klar, wie sehr die Technik uns kontrolliert – und nicht umgekehrt. 
Ja, ich war verblendet von der “Erweiterung des menschlichen Imperiums”  dem Wunsch, “alles Mögliche verwirklichen” und “Veränderungen nach eigenem Willen herbeiführen zu können”– und bin es unterbewusst vermutlich immer noch mehr, als mir lieb ist. 

Herr, erbarme Dich!

Das einzig mir bekannte Gegengift lautet: ”Dein Wille geschehe”. 

Bewusste Unterordnung. 

Bewusster Gehorsam. 

Langsamkeit. 

Demut. 

Enthaltsamkeit. 

Nicht als Gesetz, sondern als Medizin – Soul Building statt Body Building, um eine innere Stärke aufzubauen, die es schafft, dauerhaft gegen den Strom zu schwimmen. Denn wie Christus uns erinnert: Wir sind in, doch nicht von dieser Welt. 

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine gute Fortsetzung der Fastenzeit – möge sie nicht nur euren Körper, sonder auch eure Seele von den süßen Verzauberungen unseres Zeitalters entschlacken.

Author

marcusis@icloud.com

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