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Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?

Neulich las ich einen Leserbrief in der Dagens Nyheter (DN), eine der größten Tageszeitungen hier, ähnlich der SZ in Deutschland. Gut geschriebene Leserbriefe bekommen in der DN fast den gleichen Status wie deren eigene Artikel, und gut geschriebene Antworten darauf ebenfalls. Meiner Ansicht nach war dieser Leserbrief in der Tat außergewöhnlich gut, sachlich und interessant; er setzte sich kritisch mit Schwedens Entscheidungen und Strategie in der Pandemie auseinander und führte geschickt eine Menge kundiger Argumente an, die, aus meiner Sicht jedenfalls, nur schwer zu schlagen waren. Der Autor betonte allerdings an einer Stelle, dass er kein Fachmann der Medizin oder Virologie sei, wissenschaftliches Denken und Arbeiten sei ihm hingegen sehr vertraut. Ich wurde neugierig, wer der Schreiber denn wohl sei, und am Ende stellte sich ein gewisser Professor Bergmann, der u.a. an mehreren Universitäten in drei Ländern (Schweden, Norwegen und Deutschland) im Bereich der Religionswissenschaft tätig ist, als Verfasser heraus. Mir fiel auf, dass der Leserbrief obendrein ungewöhnlich viele Leserkommentare enthalten hatte, und so las ich weiter. Wie immer gab es das übliche Gebräu aus unterschiedlichsten Ansichten, doch auffallend viele waren gegen Prof. Bergmann und sahen Schwedens Strategie als die allerbeste auf der ganzen Welt, auch wenn man Bergmanns Argumente nicht widerlegen konnte. Wirklich getroffen hat mich allerdings ein Kommentar, der Bergmanns Ausführungen komplett als völligen Nonsens vom Tisch wischte, weil man doch die Frage stellen müsse: Was kann schon Gutes von einem Religionswissenschaftler kommen?

Es war zwar nur einer, der es so offen aussprach, doch meiner Erfahrung nach sprach dieser Kommentar auch für sehr viele andere Skandinavier. Glaube wird hier im Norden nämlich von einer großen Mehrheit als eher gefährlich denn als nützlich betrachtet.

Fast auf den Tag gleichzeitig hatte der bekannte britische Theologe N.T. Wright ein neues Buch herausgegeben: “God and the Pandemic: A Christian Reflection on the Coronavirus and Its Aftermath” (Gott und die Pandemie – eine christliche Reflektion über Corona und die Nachwirkungen) und vermutlich wird es wieder ein Bestseller werden. Wahrscheinlich werde ich es auch lesen, weil ich der Meinung bin, dass wir Christen sehr, sehr, sehr viel besser darin werden müssen, aktuelle Themen öffentlich und relevant theologisch zu reflektieren, sonst wird der Glaube auch in Ländern wie Großbritannien oder Deutschland, wo Kirche und Spiritualität ein noch sehr viel größeres gesellschaftliches Ansehen genießen, dort landen, wo Länder wie Dänemark oder Schweden schon länger sind: Was kann von Gläubigen schon Gutes kommen?

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