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Wann kommt Ihr wieder zurück nach Deutschland?

Eine berechtigte Frage, die uns immer wieder gestellt wird – mal ganz offen, mal nur angedeutet. Doch die Antwort ist komplex. Komplexer, als man denkt. Ein Versuch einer Respons aus fünf Aspekten.

#1: Wann?

Zwölf Jahre war ich, als ich erfuhr, dass meine Eltern wegen ihres damals vierjährigen Sohnes (das muss wohl ich gewesen sein) ein Angebot abgelehnt hatten, vier bis acht Jahre in Südafrika zu leben und zu arbeiten. Trotz meines zarten Alters war ich recht entsetzt über ihre Entscheidung und all die damit für mich verpassten Chancen: Sonst hätte ich schon mit zwölf mindestens drei Sprachen und zwei Kulturen beherrscht. Seither trieb mich der ständige Wunsch vor sich her, eines Tages selbst im Ausland zu leben. Brasilien, Kongo und ähnlich exotische Länder standen weit oben auf der Wunschliste. Nach der Hochzeit zeigte sich allerdings, dass meine Frau jene Abenteuerlust nicht in gleichem Maße teilte und wir einigten uns darauf, dass Bayern oder Ostdeutschland Abenteuer genug sein würde. Doch zehn Jahre und drei Kinder später tauchte CA auf der Bühne unseres Lebens auf und löste eine Aneinanderreihung von Ereignissen und Zufällen aus, die sich oft sämtlicher Planbarkeit samt unseres Einflusses entzog. Drei weitere Jahre später erreichte jene Verkettung ihren Höhepunkt, als nämlich die Geschehnisse begannen, sich nur so zu überschlagen. Ehe wir begreifen konnten, was genau passiert war, fand sich unsere Familie in Schweden wieder, wir hatten wie durch ein Wunder und allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz eine Wohnung, die nötigen Finanzen, wichtige Partner und strategische Kontakte im Land. Nicht zu vergessen ist unser offizieller Auftrag – der Hauptgrund für das ganze Chaos: ein Pilotprojekt zu starten und zu leiten, um mit völlig neuen Ansätzen und Ideen eine Gemeinde der Zukunft zu entwickeln.

Unsere Familie erlebte diesen Wirbel mit all seinen Feinheiten als Mirakel und Gottes wundersame Berufung. Selbst rückblickend verblassen diese Erfahrungen nicht. Im Gegenteil, sie scheinen fast noch beeindruckender. Schon immer erschien uns nur eine einzige Folgerung als logisch: Wenn Gott uns je wieder hier weg haben will, muss dieser Ruf mindestens ebenso eindeutig sein. Bisher ruft niemand. Ob und wann das geschieht, ist allein Gottes Sache. An diesem Grundsatz hat sich nichts geändert.

#2: Kommt ihr wieder?

Wir sind weder die ersten noch die einzigen, die einmal ihr Heimatland verlassen haben, um vielleicht wieder dorthin zurückzukehren. Vereinfacht ausgedrückt gibt es zwei Sorten von Heimkehrern: Erstens jene, die sich im Ausland und fremden Kulturen unwohl fühlen und es kaum erwarten können, wieder heimkehren zu dürfen. Zweitens solche, die allen Kulturstress bewältigen und sich langfristig in der fremden Lebensweise etablieren. Beide Gruppen erleben dasselbe Phänomen: Kultur ist wie ein Eisberg; unsere Augen sehen immer nur die kleine Spitze. Der Rest spielt sich im Verborgenen ab. Wer ins Ausland geht, und davon ausgeht, dass Kultur nur aus der Spitze besteht, wird vermutlich scheitern, weil Kultur vor allem aus zahllosen, ungeschriebenen und unlogischen Gesetzen besteht, die niemand erklären und beschreiben kann, weil wir sie von klein auf verinnerlicht haben. Ein Zugezogener muss das Verborgene entdecken und erlernen wie eine neue Sprache – mit dem Unterschied, dass Kultur zehnmal komplexer als die zugehörige Sprache ist.

Die zweite Gruppe teilt sich in drei weitere Lager auf: Die, die das Ende ihrer Tage in ihrer neuen Heimat erleben, jene, die von dort in ein drittes oder sogar viertes Land ziehen, um dort jeweils wieder ganz vorne zu beginnen, und schließlich solche, die irgendwann ins Geburtsland heimkehren. Weltweit gab es sehr viele aus dem dritten Lager, die nach 10, 20, 30 oder noch mehr Jahren in ihre meist westliche Heimat zurückkehrten. Wegen ihrer großen Zahl kann ein Phänomen beschrieben werden, dass fast alle gemeinsam haben: Der Wiedereintritt in die Heimatkultur ist ein ungleich größerer Kulturschock als die Ausreise in die Fremde. Jeder erlebt es anders, doch selbst Kleinigkeiten können einen aufregen. Störte man sich im Gastland anfangs an der Unzuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs, so nervt es jetzt umso mehr, dass der Bus, der um 08:58 gehen sollte, um 08:58 auch wirklich abfährt. Woher auch immer man kommt, so ist die Wiederanpassung an die Heimatkultur ein gefühlter Rückschritt, kein Fortschritt, der je nach Persönlichkeit sehr belastend sein kann. Ich persönlich kann und will einen möglichen Umzug nach Deutschland nicht ausschließen. Doch ich kenne mich mittlerweile gut genug, um sagen zu können, dass mir ein hypothetischer Neuanfang in Griechenland oder Italien auf keinen Fall schwerer fiele als in good old Germany.

#3: Zurück?

Dieses Wort ist fast immer Teil der Frage. Deutsche fragen: “Kommt ihr wieder…? Schweden fragen: “Geht ihr wieder…?” Doch beide fragen: “…zurück nach Deutschland?!” Wir schauen dann meistens etwas hilflos und stellen die Gegenfrage: “Zurück?!”

Was heißt zurück? Zurück wohin? Wohin sollten wir gehen? Ingolstadt würde einem gefühlten “Zurückkommen” vielleicht am Nächsten kommen, weil dort viele unserer Freunde in einer Gegend leben. Doch es wäre wohl wahrscheinlicher, von allen 357.ooo km² Deutschlands irgendwo andern zu landen. Ganz egal, wohin wir zögen, es wäre niemals ein Zurück, sondern immer ein anderer, ein weiterer Neuanfang. Denn wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht für das Reich Gottes geschickt. Unser Auftrag, an der Gemeinde der Zukunft zu bauen, hat uns gelehrt, sich nie zurückzusehnen, sondern nur zurückzusehen, wenn es darum geht, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Denn es ist mein Job, nach vorne zu sehen, in die Zukunft, um uns hier und heute so gut es geht auf das Morgen vorzubereiten. Dazu brauche ich eine Umgebung, die mir genau das ermöglicht und erleichtert.

Als Familie müssen wir auch berücksichtigen, wie sehr das Leben unserer Kinder durch den Auslandsumzug beeinflusst wurde. Alle drei erinnern sich gut an Deutschland, trotzdem haben sie ihre prägenden Jahre woanders erlebt: auf einer internationalen Schule in einem internationalen Stadtteil Schwedens mit einer schwedischsprachigen, aber ebenfalls sehr internationalen Gemeinde. Alle drei haben im Interview vor vier Jahren klar ausgedrückt, wie sehr sie das geprägt hat. Ein Sohn hat die Liebe seines Lebens hier im Land gefunden, und nun haben wir sogar angeheiratete Verwandtschaft im Lande. Zwei Kinder haben gewählt, ihr Studium in Großbritannien zu absolvieren. Deutschland fühlt sich für sie nicht nach “zurück” an, sondern ist genauso exotisch wie jedes andere Land der Welt. Auch wenn sie die Sprache beherrschen und sämtliche Loriotwitze kennen.

#4: Nach?

Auch Missionare und Pastoren sollten zeitig an das Leben danach denken. Und zwar vor allem an das nach dem Dienst. Hier stechen mindestens zwei Jesuszitate hervor. “Macht euch keine Sorgen” und “Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.” Es gilt, sich angstfrei und dennoch taktisch schlau vorzubereiten. Nicht oft, aber zu oft habe ich mitbekommen, dass sich treue Diener im Herrn nur auf das Keine-Sorgen-Machen konzentrierten und dann naiv wie Schafe im Wolf der Altersarmut endeten.

Für mich heißt das konkret: Wegen meines späten Studiums und des darauffolgenden dauerhaft geringen Einkommens werde ich nur relativ kleine gesetzliche Rentenansprüche haben, wenn es einmal soweit ist. Das bedeutet zweierlei: Erstens werde ich so lange arbeiten müssen, wie es möglich ist, um Einkommen zu generieren. Zweitens muss ich die Lebenskosten danach so gering wie eben möglich halten, was bei den gegenwärtigen Mietpreisdiskussionen und Preiserhöhungen eine Herausforderung ist. Gott wusste das natürlich auch und zwang uns 2007, gegen meinen Willen ein Haus zu kaufen (als guter Christ dachte ich nämlich, man solle keine Schätze auf Erden sammeln, aber wahrscheinlich hatte ich diesen Vers völlig falsch ausgelegt). Der Hauskauf wurde nur durch ein paar weitere Wunder Gottes möglich, z. B. brauchten wir nicht zu tilgen, sonst hätten wir es uns gar nicht leisten können. Mittlerweile tilgen wir, so viel wir halt können, außerdem wird renoviert und erneuert, um langfristige Reparaturkosten erheblich zu minimieren. Statt Urlaube installierten wir lieber eine sich selbst amortisierende Bergwärmeanlage, statt ins Auto investierten wir in eine smartere Innenausstattung. Als nächstes geben wir unser begrenztes Budget lieber für ein neues Solardach aus als für ein Wohnmobil im Ruhestand. Auch wenn wir noch sehr weit vom Kostenziel entfernt sind, spüren wir bereits, wie die monatliche Belastung beginnt, etwas nachzulassen, was uns wiederum ein wenig mehr zur Tilgung übrig lässt. Ein Umzug von hier nach egal wohin würde grundsätzlich auch von diesen Überlegungen beeinflusst werden.

#5: Deutschland?

Das Land der Dichter und Denker. Das Land meiner Heimat. Europas Muskelprotz. Land mit strategischer Lage. Ein Land, das sich nach äußerst bewegter Geschichte offenbar auf den kollektiven Vorruhestand vorzubereiten scheint. Oder?!

Wie sonst soll ich es deuten, dass das Management eines der wichtigsten und weltweit führenden, deutschen Wirtschaftszweige in erschreckender Demenz nicht nur seine Kunden täuscht, sondern, was die Zeichen der Zeit angeht, auch sich selbst, und sich von einem winzigen amerikanischen Start-up, geführt von einem einzigen, wenn auch pfiffigen Menschen, derartig abhängen, blamieren und in den Schatten stellen lässt?

Wie sonst soll ich es deuten, dass man selbst im Jahre 2020 ganz im Ernst, ohne Ironie und ohne mit der Wimper zu zucken noch einen völlig veralteten, wenn auch nagelneu erbauten Nachfolger der Dampfmaschine zur Stromerzeugung ans Netz gehen lässt?

Wie sonst soll ich es deuten, dass Deutschland sein wirtschaftliches Erbe in bedenklicher Naivität milliardenweise nach China verscherbelt?

Man sich einen Kehricht um die Bedenken der jungen Generation schert?

Man einen dummbärtigen Narzisst die Verkehrswende leiten lässt?

Persönlich erlebe ich Deutschland nicht gerade als Inspirationsbombe, die vor Kreativität nur so überkocht. Sondern eher als träge Masse, die sich ziemlich schwer tut, mit allen globalen Veränderungen Schritt zu halten. Das spiegelt sich nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch in der ganz normalen Bevölkerung wider. Kleinere Länder müssen agiler bleiben, können sich nicht so leicht mit sich selbst abschotten.

Natürlich ist kein Land perfekt. Doch wer nach geistlich-geistiger Inspiration für das Überleben in der Zukunft sucht, wird es schwer haben, sie im Lande der Fleischberge und Käse-Sahne-Torten zu finden. Wer Inspiration sucht, muss Herausforderungen annehmen und sich mit Inspiration umgeben. Denn man selbst wird immer wie die Menschen, mit denen man sich umgibt. Deshalb sollte man genau darauf achten, sich vor allem mit solchen zu umgeben, die schon so sind, wie man selbst noch werden will. Ein solches Milieu ist – für mich jedenfalls – deutlich einfacher im Ausland zu finden. Eine internationale Umgebung stellt mich permanent in Frage und fordert mich ständig zum Lernen, Neudenken und Umdenken heraus. Nach vierzehn Jahren Ausland kann ich das recht zuverlässig behaupten, füge aber dennoch hinzu: Ich bin auch hier bereit, mich eines besseren belehren zu lassen.

#Fazit

Wie gesagt, wir legen es in Gottes Hand. Vielleicht wird er ja wieder sprechen und sagen: “Mache dich auf und gehe in ein Land, das ich dir zeigen werde.” Vielleicht wird er mir ja danach Deutschland von einer ganz anderen Seite zeigen.

Vielleicht wird er aber auch sagen: “Der Prophet gilt im eigenen Lande nichts.”

Die Entscheidung liegt nicht bei mir.