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Communitas quo vadis?
Communitas quo vadis?

Communitas quo vadis?

Es ist ruhig geworden um Communitas. Sehr ruhig. Man darf sich fragen, wohin der Kurs geht.

Vor wenigen Tagen trafen wir uns in der Bar der Gothia Towers, nicht gerade dem billigsten Göteborger Hotel, gleich neben dem hochweihnachtlichen Vergnügungspark Liseberg. Unsere norwegischen Freunde hatten die Gelegenheit genutzt, Göteborg in einer Coronapause mal wieder einen Besuch abzustatten, einer Stadt, die einen erheblichen Teil ihrer Lebensgeschichte ausmacht. Dazu gehörte damals auch H2O, und deshalb wollten sie uns als ihre alten Pastoren auf einen Drink einladen. Vier Drinks in Schweden sind schließlich billiger als einer in Norwegen. Wir sprachen, worüber man so spricht, wenn man sich jahrelang nicht gesehen hat. Sie hatten noch nicht mitbekommen, dass ich schon im Frühling 2020 meinen Posten als Europadirektor aufgegeben hatte, und wollten natürlich die Gründe wissen. Ich gab ihnen zwar nur eine kurze Zusammenfassung, aber seither stimmt mich dieser kurze Streifzug in ein altes Thema etwas nachdenklich.

Es hat damit zu tun, dass unsere internationale Gemeinschaft Communitas, damals noch CA genannt, enorme Hoffnungen in mir weckte, als wir 2005 beitraten. Nach dem 20. Jahrhundert der Veränderungen, der technischen Errungenschaften und der unmenschlichsten Zerstörungen war die Welt eine völlig andere geworden. Bei CA aber trafen wir junge und alte Frauen und Männer aus den verschiedensten Ländern, die genau das anspornte, ganz ohne Gejammer über die “guten alten Zeiten”, die einen leidenschaftlichen Glauben lebten und gleichzeitig passioniert daran arbeiteten, mit allen Veränderungen Schritt zu halten, um Jesus auch in Zukunft noch relevant proklamieren zu können. All das war für mich jenseits des üblichen Gemeindeeintopfs, der sonst üblicherweise gerührt wurde. Und obendrein war all das auch noch vor Facebook, YouTube, Smartphones, Netflix & Co. Man stelle sich das mal vor.

Es hat damit zu tun, dass wir dann selber als Familie in einen enormen Strudel der persönlichen Veränderungen geworfen wurden. Ein mehr oder weniger spontaner Auslandsumzug von bayrischer Landidylle in die Großstadt. Die Kinder von der kleinen Dorfschule auf eine internationale Schule auf einer ihr unbekannten Sprache. Oft genug hatte ich Angst, große Angst sogar, im Strudel der finanziellen Ungewissheiten und Engpässe, der vielen Kulturen, Sprachen und Präpositionen, Ungewissheiten, eigenen Fehlern und Unzulänglichkeiten und vielem, vielem mehr nicht liefern zu können, oder, ehrlicher ausgedrückt: regelrecht zu ersaufen und den zu verlieren, der ich eigentlich bin. Täglich klammerte ich mich täglich an Gott – was blieb mir auch übrig? – und bis heute ist trotz aller Ängste alles gut gegangen.

Es hat auch damit zu tun, dass CA uns stets dabei zur Seite stand, als Familie im Ausland zu leben und nebenbei eine völlig neue Gemeindearbeit mit anderen Ansätzen zu entwickeln, die in unsere Zeit passen und dennoch theologisch motiviert und gut zu begründen sind. Ohne CA hätte ich das nie und nimmer geschafft. Dort hatten wir Freunde, denen es ähnlich ging, Mentoren, die uns zur Seite standen, uns anfeuerten, eine kreative Gemeinschaft, die es sich nicht nehmen ließ, trotz solcher wilden Wasser auf neue Ideen zu kommen, wie man die heutige Welt zu mehr Liebe auffordern könnte. Jesus war für uns keine weltfremde und heiligenbeschienene Goldikone, sondern ein Mann mit Alltag und gerade darin unser großes Vorbild. CA war unser Floß im Sturm.

Es hat vor allem damit zu tun, dass ich bis heute kaum eine Denomination, oder Kirche erlebt habe, die ebenso dauerhaft wie hingegeben an Erneuerung und Innovation arbeitet wie ich es bei CA erlebt hatte. Es gibt zwar viele, die von Erneuerung reden, manche sind und einige halten sich nur für innovativ, doch im Großen und Ganzen steckt die westliche Kirche ziemlich fest in ihrer eigenen Vergangenheit. Es braucht mehr Gemeinschaften und Organisationen, die als Wegbereiter Neues wagen.

Deshalb hat es schließlich auch damit zu tun, dass ich selbst genau das, was ich von CA empfangen habe, an die nächste Generation anbieten und weitergeben wollte, denn die Welt ist seither wohl kaum simpler geworden. Mittlerweile muss man nicht mal mehr ins Ausland ziehen, um Ängste vorm Ersaufen im Strudel der Veränderungen erleben zu können, mittlerweile gibt es soziale Medien und vieles mehr, das wie die Obstwürmer Löcher in unsere Seelen frisst. Wir brauchen warme und mutige Gemeinschaften aus Gleichgesinnten, die selbst in Wurmlöchern neue Möglichkeiten sehen.

Wegen unserer eigenen Erfahrungen hatte ich also sehr an Communitas geglaubt – und alles gegeben. Leider hat’s nicht gereicht, denn die Fliehkraft der Veränderung fordert stabile Speichen – speziell in unserer Zeit. Die meisten der alten CA-Garde waren entweder in die Jahre gekommen oder müde geworden oder beides. Viele haben die Organisation verlassen oder sind nur noch passiv mit Communitas verbunden. Einige wenige haben auf dieser Reise sogar ihren Glauben verloren. Nach meinem Ausscheiden als Europadirektor hatte ich zwar versucht, zumindest online noch ein paar regelmäßige, internationale Plattformen zum Austausch und zur Ausarbeitung neuer Ideen und Vorschläge zur Verfügung zu stellen. Doch die Kommunikation schien Risse und Sprünge bekommen zu haben, vor allem durch die Pandemie. Die kreative Passion ist verpufft, das Feuer weg, die Schaffenskraft verkocht, die lustigen Stimmen nur noch ein Mückensummen. Es wurde still – um und in Communitas. Wohin mag es führen?

Immerhin kann ich persönlich als Mentor einige Individuen anfeuern, sie dazu anspornen, mit allen Veränderungen der Zeit Schritt zu halten. Oft fühlen sich diese wertvollen Christen recht einsam, unverstanden und als Außenseiter in einer überwiegend konservativen Gemeinde. Ich habe viele von ihnen getroffen, und sie erzählen mir davon. Im Gegensatz zu mir haben sie aber nie so etwas wie CA erlebt. Ich möchte ihnen also ein wenig Rückenwind sein.

Und wenn dann alle paar Jahre vielleicht jemand von ihnen bei mir anrufen wird und sich wieder mal zum Reden treffen will, dann werde ich einsehen, dass nichts in Gottes Reich umsonst war. Während ich ihnen dann zuhöre, wie draußen das Evangelium läuft, werde ich meinen Drink genießen wie damals schon Luther sein Wittenberger Bier. Muss ja nicht immer gleich in der Bar der Gothia Towers sein.

Foto oben:
Jung und heiß und ohne Durchblick – Selfie vom 8. Sept 2008.

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